(Der Tagesspiegel, 24.10.2025)
Nils Althaus
Sie essen fast doppelt so viel Fleisch wie Frauen, berufen sich auf die Steinzeit und scheitern am Veggie-Schnitzel. Ist die Lust auf Fleisch ein anerzogener Männlichkeitswahn oder biologisch notwendig?
Männer hatten auch schon einen besseren Ruf. Sie stellen nicht nur einen erschreckend hohen Anteil aller bisherigen Diktatoren und fallen beim Fußball so schnell hin, sie essen auch noch viel zu viel Fleisch: durchschnittlich mehr als das Dreifache der empfohlenen Menge. 30 % der deutschen Männer greifen sogar täglich zu Steak, Wurst & Co. Das schadet den Tieren, der Umwelt und den Männern selbst. Im Vergleich dazu konsumieren nur 16 % der deutschen Frauen täglich Fleisch. Global gesehen essen sie deutlich geringere Mengen und ernähren sich häufiger vegetarisch oder vegan.
Erklärungen dafür finden sich viele, besonders wenn man auf die Schwarmintelligenz der Ernährungsinfluencer und ihrer Kommentarspalten setzt: Männer seien geborene Jäger, die Erhaltung ihrer Muskelmasse erfordere prankenweise Proteine, Gemüse mache Männer krank, schwächlich und unattraktiv, und ja, warum nicht auch noch: Haferflocken senken den Testosteronspiegel (Hinweis: tun sie nicht). Was steckt wirklich hinter der männlichen Fleischeslust?
“Was wir essen, ist eine soziale und kulturelle Frage. Im 19. Jahrhundert wurde das Inner- und Außerhäusliche voneinander getrennt. Die männlich konnotierte Arbeit in der Fabrik wurde als körperlich anstrengend gesehen, die weiblich markierte Reproduktionsarbeit nicht”, sagt Martin Winter, Ernährungssoziologe an der Hochschule Fulda. Der malochende Mann wurde fortan mit Fleisch belohnt, welches aufgrund des steigenden Wohlstandes verfügbarer wurde. “Vor der industriellen Revolution verliefen die Trennlinien eher zwischen den Ständen und nicht zwischen den Geschlechtern.” Im Gegensatz zum weiblichen Adel hatte das männliche Gesinde schlicht keinen Zugang zu Fleisch.
Heute wird Fleisch symbolisch oft mit Stärke, Dominanz und Virilität in Verbindung gebracht. Fleisch zu essen ist nicht nur eine Frage der Ernährung, sondern auch eine Möglichkeit, Männlichkeit zu demonstrieren. Für Beispiele braucht man nicht weit zu scrollen. Von den muskelbepackten Karnivoren wie Shawn Baker, die sich ausschließlich von Fleisch ernähren, über die arteriosklerotischen YouTube-Hits “Burgerpommes 1”, “Burgerpommes 2” und “Burgerpommes Show Song” (googlen auf eigene Gefahr) bis zur neuesten Wurstoffensive Markus Söders – Männlichkeit und Fleisch sind so unzertrennlich miteinander verbunden wie Fettfinger und Papierservietten. Auch wissenschaftliche Studien deuten auf einen Link hin: Männer, die den Einsatz körperlicher Gewalt befürworten und Sexualität einen hohen Stellenwert beimessen, konsumieren etwa mehr Fleisch.
Könnten hinter dem kulturellen Phänomen biologische Ursachen stecken? Unbestritten ist, dass Männer einen höheren Anteil an Muskelmasse besitzen. Tierische Proteine sind geeignet für deren Erhaltung. Und als prähistorische Jäger mussten Männer die aufgebrauchten Fett- und Glykogenspeicher abends womöglich wieder mit energiereicher Nahrung auffüllen.
Mehr Muskeln, mehr tierische Proteine?
Für heutige Menschen, die nur noch im Aldi oder Lidl auf Grosswildjagd gehen, sind diese Überlegungen hinfällig. Die Academy of Nutrition and Dietetics wiederholt seit Jahren: Gut geplante vegane Ernährung deckt den Proteinbedarf von Sportlern vollständig. Den praktischen Beweis erbringen vegane Ausnahmesportler wie Patrick Baboumian, Serena Williams oder Lewis Hamilton. Doch die hochgezüchteten Nahrungsmittel von heute gleichen jenen der Steinzeit nur sehr entfernt. Der prähistorische Weizen verbarg seine winzigen Körner in einer zähen Hülle, der Mais war ein ausgemergeltes Wildgras und die Aubergine war klein, stachelig und bitter. Bei dieser Menüwahl stach Fleisch durchaus als nährstoffreichere Alternative hervor.
Hätte es in unserer entfernten Vergangenheit zwingende biologische Gründe für einen erhöhten männlichen Fleischkonsum gegeben, müsste sich das also in den paläontologischen Funden wiederspiegeln. Doch die Evidenz ist durchwachsen: Isotopenanalysen aus der 6000-jährigen Nekropole Barmaz in der Schweiz ergaben, dass der Fleischkonsum der dort begrabenen Männer und Frauen ähnlich groß gewesen sein musste. Römische Gladiatoren ernährten sich überwiegend von Bohnen und Getreide. Bei heutigen traditionellen Völkern – oft als Modelle für prähistorische Gesellschaften herangezogen – finden sich ebenfalls Beispiele für ausgeglichenen Fleischkonsum. Die Tsimane in Bolivien oder die Martu in Australien etwa teilen die Beute parietätisch. Auch gegenteilige Evidenz lässt sich finden, doch insgesamt scheint die These des prähistorischen Jägers, der zwingend mehr Fleisch benötigte als die Frau, mehr als wackelig.
Der jagende Mann und die sammelnde Frau
Die verbreitete Vorstellung der strikten Arbeitsteilung zwischen jagendem Mann und sammelnder Frau wird heute ebenfalls vermehrt in Frage gestellt. Die Anthropologinnen Sarah Lacy und Cara Ocobock lieferten 2023 in einem einflussreichen Aufsatz Argumente dafür, dass Frauen stärker an der Jagd beteiligt waren als bisher angenommen. Die weibliche Physiologie beispielsweise verschuf ihnen Vorteile für ausdauernde Tätigkeiten wie langes Rennen, während jene der Männer auf Geschwindigkeit und Kraft ausgelegt war. Beides sei für die Jagd wichtig gewesen.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage auch gar nicht, warum Männer mehr Fleisch essen, sondern, warum Frauen weniger essen. Fleisch hatte auch in prähistorischen Zeiten nicht nur Vorteile. Insbesondere barg es die deutlich größere Gefahr, von Erregern oder Parasiten befallen zu sein als pflanzliche Nahrungsmittel. Erlegtes Großwild lag herum und konnte leicht faulen. Ohne Kühlschrank ein Mammut zu verspeisen, wäre auch heute noch ein logistischer Kraftakt. Aufgrund des weiblichen Zyklus waren Steinzeitfrauen davon möglicherweise besonders betroffen.
Periodische Ekel vor Fleisch
In der Phase nach dem Eisprung und während der Schwangerschaft wird das weibliche Immunsystem teilweise herunterreguliert, um das Kind – das zur Hälfte aus fremdem Erbgut besteht – nicht irrtümlich anzugreifen. In dieser vulnerablen Phase sind Infekte besonders gefährlich. Weniger Fleisch zu essen könnte gemäß dem Anthropologen Daniel Fessler somit ein adaptiver Schutzmechanismus gewesen sein, um die Zeit der geschwächten Immunabwehr infektfrei zu überstehen. Tatsächlich richten sich Nahrungsaversionen während der Schwangerschaft überwiegend gegen tierische Produkte – insbesondere auf Fleisch, Geflügel, Fisch und Eier.
Den Männern fehlt also sozusagen der periodische Ekel vor Fleisch. Dazu kommen die traditionellen Normen, die einer Annäherung des männlichen Fleischkonsums an den weiblichen im Weg stehen. Wie stimmt man einen Mann um, der sich nur als Mann fühlt, wenn er in karzinogenen Rauchschwaden mit der Grillzange Tierkadaver hin und her wendet?
Veggie-Wurst, oh pardon…
“Wer das Essverhalten von Männern verändern will, muss Mittel und Wege finden, mit männlicher Identität zu arbeiten, statt gegen sie“, sagt Elise Hankins der Forschungsorganisation Bryant Research in Bristol, die die Auswirkungen von Geschlechternormen auf den Fleischkonsum untersucht hat. Ihre neueste Studie formuliert konkrete Empfehlungen, um Männer mit traditionellen Männlichkeitsvorstellungen anzusprechen. Die Werbung etwa solle pflanzliche Nahrungsmittel nicht explizit als männlich anpreisen, sondern sie subtil mit Werten wie Leistung, Kraft und Abenteuer verbinden. Vorstellbar wäre etwa ein Werbespot mit Markus Söder, in dem er sich mit einem Staudensellerie durch den Dschungel kämpft und damit einen Tiger nach dem anderen erwürgt (ohne deren Fleisch zu essen).
Neben unterschwellig maskulinen Werbebotschaften wäre es gemäß den Autoren außerdem hilfreich, weiterhin Fleischbegriffe für pflanzenbasierte Alternativen verwenden zu können. Dem hat das EU-Parlament jedoch kürzlich eine Absage erteilt. Bezeichnungen wie “Veggie-Wurst” oder “Soja-Schnitzel” könnten bald verboten werden. Das ist schade, aber in gewisser Weise auch ein Sieg für den Tierschutz – zumindest für die bedrohte Art des karnivoren Mannes, der trotz elementarer Lesefähigkeit verwirrt und überfordert mit einer fleischlosen Wurst – pardon, Pflanzenschwengel – an der Lidl-Kasse auftaucht. Die lenkende Hand des Staates wird diese fragile Spezies hoffentlich wieder sanft zu ihrem angestammten Platz in die kardiovaskuläre Sprechstunde geleiten.