Cass Sunstein: „Als Individuen wissen wir in der Regel am besten, was gut für uns ist“

(Süddeutsche Zeitung, 27.10.2025)

Interview: Nils Althaus

Die Menschen werden im digitalen Zeitalter ständig manipuliert, sagt der Rechtsprofessor und ehemalige Obama-Berater Cass Sunstein. Warum er meint, dass das der liberalen Gesellschaft schadet.

Cass Sunstein, Harvard-Professor und ehemaliger Berater von Barack Obama, gilt als einer der einflussreichsten Rechtswissenschaftler der USA und Mitbegründer der modernen Verhaltensökonomie. In seinen neuen Büchern widmet er sich dem Liberalismus und der Manipulation. Warum beide Themen untrennbar miteinander verbunden sind.

SZ: In Ihrem Buch „On Liberalism“ geht es um die verbindende Kraft liberaler Prinzipien. Und in „Manipulation“ beschreiben Sie, wie freie Entscheidungen beeinträchtigt werden können. Zufall?

Cass Sunstein: Nein, die beiden Bücher hängen eng zusammen. Manipulation ist eine illiberale Praxis – verwandt mit Täuschung, Lüge und Nötigung. Ich definiere sie als eine Form der Trickserei, die die Fähigkeit zu reflektierter, abwägender Entscheidung untergräbt.

Der Liberalismus verträgt sich also schlecht mit Manipulation?

Ja, sehr schlecht. Kant hat sich zwar meines Wissens nicht zu Manipulation geäußert, aber seine Einwände gegen das Lügen sind übertragbar: Manipuliert man jemanden, missachtet man dessen Entscheidungsfreiheit und behandelt ihn als Mittel zum Zweck – nicht als Person.

Wo und wann werden wir denn manipuliert?

Online-Verkäufer manipulieren uns ständig, oft mithilfe von Algorithmen, die unsere Schwächen und kognitiven Verzerrungen kennen – etwa den Fokus auf kurzfristige Vorteile (Present Bias) oder den übermäßigen Zukunftsoptimismus (Optimistic Bias). So werden wir dazu gebracht, Skiausrüstungen, Ventilatoren oder elektrische Zahnbürsten zu kaufen, die wir meist gar nicht brauchen.

Was ist an Manipulation so problematisch?

Neben dem kantischen Einwand gibt es den konsequentialistischen und utilitaristischen, der auf John Stuart Mill zurückgeht: Als Individuen wissen wir in der Regel am besten, was gut für uns ist. Dem Manipulator fehlen diese unmittelbaren Informationen. Selbst wenn er uns mit guten Absichten manipuliert, verschlechtert er höchstwahrscheinlich unser Leben.

Für besonders gravierende Fälle wie etwa demokratiegefährdende Deepfakes schlagen Sie ein neues Menschenrecht vor: Das Recht, nicht manipuliert zu werden.

Richtig.

Kann Manipulation auch gut sein?

Ein verantwortungsvoller Kantianer würde sagen: Der Einwand gegen Manipulation kann in Extremfällen überwogen werden. Wenn man etwa einen Terroristen dahin gehend manipuliert, dass er niemanden tötet, ist das in Ordnung.

Zusammen mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler haben Sie 2008 in Ihrem Bestseller den Begriff „Nudge“ geprägt. Nudges sind kleine Anstöße, die unser Verhalten subtil in eine bessere Richtung lenken sollen, wie der Warnton bei überhöhter Geschwindigkeit. Sind Nudges nicht auch manipulativ?

Die allermeisten sind es nicht. Nudges bewahren die Freiheit und individuelle Autonomie der Zielpersonen. Das gilt für edukative Nudges wie Nährwertangaben, Reminder oder Warnhinweise, aber auch für architektonische Nudges – etwa beim Laptop, wo der Druck standardmäßig doppelseitig eingestellt ist, um Papier zu sparen. Die Vorgaben sind vollständig transparent und man kann sie jederzeit ändern.

Und die Schockbilder auf den Zigarettenpackungen?

Das liegt vielleicht im Grenzbereich. Ein Nudge kann im Ausnahmefall auch manipulativ sein. Grafische Warnungen für Zigaretten sind es jedoch meiner Meinung nach nicht, weil sie die Menschen typischerweise besser über Risiken informieren – das zeigen die Daten.

Sie sagen, dass Manipulation heute durch Technologien wie KI besonders leicht zu bewerkstelligen sei. Wie meinen Sie das?

Generative KI kann Informationsdefizite und kognitive Verzerrungen von Menschen ausnutzen, um deren Verhalten zu beeinflussen. Sie kaufen dann beispielsweise Dinge, die ziemlich schlecht für sie sind, oder verhalten sich kurzsichtig. Ich spreche im Buch über den alten Film „Her“: Dieses Betriebssystem kann im Grunde jeden dazu bringen, sich in „sie“ zu verlieben, weil es alles über die Person weiß – unheimlich, aber ein cooler Film. Willkommen in unserer Welt.

Cass Sunstein ist Harvard-Professor, Bestseller-Autor des einflussreichen Buchs „Nudge“ über Verhaltensökonomie und war von 2009 bis 2012 Administrator des White House Office of Information and Regulatory Affairs unter Barack Obama. (Foto: Byline Withheld/AP)

Fast zur selben Zeit wie „Manipulation“ erschien Ihr Plädoyer für den Liberalismus. Wie schaffen Sie es eigentlich, zwei Bücher auf einmal zu schreiben?

„Manipulation“ hat etwa 15 Jahre gebraucht. Es wurde nur zufällig gleichzeitig mit „On Liberalism“ fertig, für das ich etwa drei Jahre brauchte. Aber ich schreibe, wann immer ich Lücken in meinem Kalender habe.

In Deutschland versteht man unter „liberal“ eher wirtschaftsliberale Positionen, in den USA hingegen eher sozialprogressive. Was verstehen Sie darunter?

Liberalismus bekennt sich erstens zur Freiheit, insbesondere der Meinungs- und Religionsfreiheit, zweitens zur Rechtsstaatlichkeit und drittens zum Pluralismus. Mit Letzterem meine ich einen Respekt vor der Vielfalt von Lebensweisen, politischen Zugehörigkeiten, Ethnien und Religionen.

Das klingt nach etwas, worauf wir uns schon lange geeinigt haben. Ist der Liberalismus eine Art Schnittmenge der Vernünftigen?

Ja, das hoffe ich. Auf der ganzen Welt gibt es zwar dem Anschein nach vernünftige Menschen, die nichts vom Liberalismus halten – in den USA und in Europa ebenso wie in China und Russland. Andererseits war und bin ich überrascht, welchen Anklang mein kleiner Entwurf fand. In einem Essay für die New York Times kritisierte ich 2023 illiberale Zustände. Als er veröffentlicht wurde, bekam ich eine Resonanz wie noch nie in meiner Laufbahn: eine Welle von Reaktionen von rechts wie von links, die Mehrheit davon positiv.

Sie sagen, Liberalismus sei „ein großes Zelt“. Es beherberge so unterschiedliche Figuren wie die konservative Margaret Thatcher oder den Demokraten Franklin Delano Roosevelt. Und Donald Trump?

Manchmal ja, manchmal nein. Wenn er daran interessiert ist, wirtschaftliche Freiheit zu fördern, bedient er sich der liberalen Tradition. Die Meinungsfreiheit wird hingegen nicht als sein definierendes Merkmal in die Geschichtsbücher eingehen, um es vorsichtig zu formulieren. Die Angriffe auf Anwaltskanzleien, auf Universitäten, auf die Presse – das sind keine glorreichen Momente für die liberale Tradition.

Sind Sie von diesen Angriffen auch betroffen?

Ich erhielt vor zwei Tagen eine Nachricht einer Universität: Man habe mich eingeladen, über Gewaltenteilung zu sprechen, aber ich dürfe Präsident Trump oder seine Initiativen nicht erwähnen. Da fragte ich mich: In welchem Land lebe ich, wenn eine Universität mir so etwas verbietet? Ich war so aufgebracht, dass ich die Leitung anrief. Sie meinten, das sei nicht die Politik ihrer Universität, es müsse ein Fehler sein. Vermutlich war es das auch. Dennoch ist der Fehler bezeichnend. In ihren Albträumen hören viele Professoren im Hinterkopf Ermittler mitlauschen, wenn sie über Präsident Trump sprechen oder schreiben. Diese Albträume wirken leider nicht völlig unrealistisch.

Sie argumentieren, dass Liberalismus eigentlich etwas ist, das Demokraten und Republikaner vereinen sollte. Und tatsächlich haben Sie sowohl für Ronald Reagan als auch für Barack Obama im Weißen Haus gearbeitet. Würden Sie auch für Donald Trump arbeiten?

Wenn er mich bitten würde, das Office of Information and Regulatory Affairs zu leiten – das war meine Aufgabe unter Präsident Obama –, wäre ich extrem überrascht. Wenn ich nicht in Ohnmacht fiele, würde ich fragen: Unter welchen Bedingungen? Aber wenn er mich bitten würde, einen Aufsatz über die sozialen Kosten von CO₂-Emissionen zu schreiben, würde ich sagen: Ja, Sir.

Ist Ihr Versuch der Versöhnung nicht etwas optimistisch? Die Gräben zwischen Republikanern und Demokraten in der US-Politik scheinen so tief wie noch nie zu sein.

Die Vorstellung, dass die gleichgeschlechtliche Ehe in den USA verfassungsrechtlich geschützt würde, wäre noch vor zwanzig Jahren eine äußerst seltsame Prognose gewesen. Jetzt ist sie eine Tatsache. Ich halte es für möglich, dass Republikaner und Demokraten einander als Brüder und Schwestern in der liberalen Familie begegnen könnten.

Auch international deutet zurzeit vieles in die andere Richtung, Populismus und Spaltung nehmen zu. Ist Ihr Buch eine Antwort auf diese Entwicklung?

Mein Essay war zunächst eine Antwort auf die antiliberale Linke, die mir damals auf dem Vormarsch erschien.

Aus heutiger Sicht wirkt das erstaunlich.

Da stimme ich Ihnen zu: Gegenwärtig ist die antiliberale Rechte auf dem Vormarsch und gefährlich, die antiliberale Linke weniger.