Das riskante Rennen der KI-Giganten: Wie dicht China den USA wirklich auf den Fersen ist

(Der Tagesspiegel, 19.9.2026)

Nils Althaus

Amerikanische KI-Firmen warnen, China könne sie im Rennen zur Superintelligenz überholen, und beschleunigen deshalb. Doch paradox ist: Es sind ihre Fortschritte, die den chinesischen Konkurrenten auf die Sprünge helfen.

Wer die Tour de France gewinnen will, muss schnell sein, aber nicht nur. Ebenso wichtig ist es, die ärgsten Konkurrenten nicht zu lange im Windschatten mitfahren zu lassen. Radfahrern ist diese Regel geläufig. Bei der US-amerikanischen KI-Industrie, dem Favoriten im Rennen um die globale KI-Vorherrschaft, scheint dieses Wissen hingegen noch nicht angekommen zu sein. Denn die rasanten Fortschritte von Anthropic und OpenAI sind für die Erfolge der chinesischen Konkurrenz zumindest mitverantwortlich. Und das bedeutet: Ein weniger halsbrecherisches Tempo in der KI-Entwicklung, die derzeit weltweit apokalyptische Ängste auslöst, wäre möglich.

Wenn Dario Amodei dennoch schreibt, die USA müsse seine Führung gegenüber China um jeden Preis verteidigen, hat der Chef der KI-Firma Anthropic zumindest in einem Punkt recht: Die USA liegen zurzeit vorn. Anthropics Claude Fable 5.1 und OpenAIs KI-System GPT-6 Astra schneiden in Vergleichstests wie dem Epoch Capabilities Index oder dem Artificial Analysis Intelligence Index am besten ab. Die chinesischen Modelle machen in solchen Tests klar den zweiten Rang unter sich aus. Wie weit die USA vorne liegen, zeigte OpenAI kürzlich mit einem internen KI-Modell. Es löste eines der sieben schwierigsten mathematischen „Millennium“-Probleme, das seit rund 90 Jahren offene Navier-Stokes-Problem.

„In erster Linie liegt Chinas Rückstand an der mangelnden Rechenkapazität“, sagt Rebecca Arcesati, China-Analystin des Mercator Institute for China Studies in Berlin. Die Unterschiede sind enorm: 74,5 Prozent der erfassten Rechenleistung großer KI-fähiger Computernetzwerke, sogenannter GPU-Cluster, entfielen im Mai 2025 auf die USA, auf China hingegen nur 14,1 Prozent.

Beim Nachschub ist die Kluft noch größer: Das KI-Forschungsinstitut Epoch AI schätzt, dass die US-Firma Nvidia in diesem Kalenderjahr Computerchips mit rund 25 Mal mehr KI-Rechenleistung produzieren kann als Chinas Huawei. Die US-amerikanischen Exportkontrollen der modernsten Chips halten China auf Distanz, auch wenn sie teilweise durch Schmuggel unterlaufen werden. Zudem zieht die US-Industrie deutlich mehr Kapital und oft die besseren Talente an.

China holt auf – mit US-Hilfe

Der Abstand schrumpft jedoch. Der Stanford AI Index 2026 hält fest, dass der erhebliche Vorsprung, den die USA bei den Modellfähigkeiten 2023 besaßen, innerhalb von zwei Jahren zusammengeschmolzen ist. Seither ist ihnen China dicht auf den Fersen. Im vergangenen März betrug der Vorsprung in der LLM-Arena, wo Nutzer anonymisierte Sprachmodelle bewerten, nur noch 2,7 Prozent.

Teilweise ist dieser Erfolg der Forschungs- und Entwicklungsleistung der chinesischen KI-Industrie selbst zuzuschreiben. Die chinesische KI-Firma DeepSeek hat wichtige technologische Beiträge geleistet, etwa bei Mixture-of-Experts-Architekturen und effizienteren Trainingsverfahren für KI. Chinesische Firmen sind besonders gut darin, die Effizienz von Software zu verbessern, um die vergleichsweise geringere Leistung ihrer Chips auszureizen. In der Forschung ist China zudem ein Schwergewicht: Das Land veröffentlicht inzwischen mehr wissenschaftliche Arbeiten zu KI als die USA. Von den 100 meistzitierten KI-Studien stammten 2024 bereits 41 aus China.

Das ist jedoch nicht die ganze Geschichte. Seit Jahren hat China im Rennen um die leistungsfähigsten Modelle stets die USA vor der Nase. Und diesen Umstand weiß es trickreich zu nutzen. Bereits bei der Veröffentlichung von Deepseek-R1 Anfang 2025 gab es Gerüchte, dass das Modell so gut war, weil es mit Antworten amerikanischer Modelle trainiert worden war. Bei dieser sogenannten „Destillation“ kann ein kleineres, schwächeres Modell vom Fortschritt eines größeren, leistungsfähigeren profitieren – mit wesentlich geringerem eigenem Rechenaufwand.

Diese Destillation scheint zuzunehmen. Anthropic hält in einem kürzlich veröffentlichten Bericht fest, der chinesische KI-Riese Alibaba habe zwischen Mai und Juli 2026 mehr als 151 Millionen Claude-Abfragen durchgeführt, um seine Modelle zu trainieren. Aber auch weniger klandestine Methoden helfen bei der Aufholjagd: Chinesische Forschende beobachten die Erfolge der US-Firmen genau. Sie ziehen Rückschlüsse aus öffentlichen oder geleakten Daten, und schaffen es dadurch oft, die Fortschritte zu reproduzieren.

Im Zugzwang

Ausgerechnet amerikanische KI-Firmen tragen also dazu bei, dass chinesische Entwickler so schnell vorankommen. Und von der Spitze aus weiter zu beschleunigen, löst nicht zwangsläufig das Problem. Jeder Radfahrer weiß: Je schneller der Vordermann, desto wertvoller der Windschatten.

Zur Wahrheit gehört: Auch amerikanische Firmen profitieren von den chinesischen Fortschritten. Während Anthropic und OpenAI den Code ihrer Spitzenmodelle geschlossen halten, setzt China auf Open-Weight-Modelle, die von allen heruntergeladen, modifiziert und auf eigener Hardware betrieben werden können. Das ist in vielen Fällen erheblich günstiger. Die geringen Leistungseinbußen nehmen deshalb auch große US-Firmen in Kauf. So verwendet der Online-Dienst Airbnb Alibabas Qwen für Teile seines Kundenservice. Der Kryptowährungshändler Coinbase experimentiert mit den günstigen chinesischen Modellen GLM 5.2 und Kimi 2.7.

Die beiden KI-Großmächte beschleunigen sich also gegenseitig. Immer mehr Stimmen warnen, dass sie dadurch eine noch größere Gefahr heraufbeschwören könnten: den vollständigen Kontrollverlust. Der Nobelpreisträger Geoffrey Hinton oder der meistzitierte Informatiker der Welt, Yoshua Bengio, gehören zu ihnen und seit wenigen Tagen auch Jacob Coxon, der wegen Sicherheitsbedenken bei Anthropic kündigte und einen gehörigen Medienrummel auslöste.

Wird die KI so gut, dass sie autonom die nächste Generation von KI-Modellen entwerfen kann, könnte diese wiederum die nächste Generation entwerfen usw. Es entstünde eine sich beschleunigende Rückkopplungsschleife, die uns rasch entgleiten könnte. In diesem Fall wäre weder den USA noch China geholfen. Und um im Fahrrad-Bild zu bleiben: Wird das Rennen zu schnell, ist irgendwann die Gefahr eines Massensturzes größer als jene, Zweiter zu werden.

Die KI-Firmen scheinen dieses Risiko nicht mehr ganz ignorieren zu können. Anthropic-Chef Dario Amodei veröffentlichte Anfang September den Essay „We Must Pace the Frontier“, in dem er sich für eine kontrollierte Verlangsamung der KI-Entwicklung aussprach. OpenAI-Chef Sam Altman, Elon Musk und Google-DeepMind-Chef Demis Hassabis unterstützten den Vorstoß öffentlich. Ob den Worten auch Taten folgen werden, bleibt abzuwarten.

Ist Chinas KI überhaupt eine reale „Gefahr“?

Die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung ist zurzeit beispiellos. Gerade deshalb lohnt sich ein Blick in den Rückspiegel. Dass China dieses Rennen zur Superintelligenz um jeden Preis gewinnen will – wie es von Washington und der Tech-Branche oft dargestellt wird – scheint nämlich nicht so eindeutig.

Unbestritten ist, dass China künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie sieht und darin weltweit führend sein will. Seán Ó hÉigeartaigh, KI-Risikoforscher an der Universität Cambridge, unterscheidet jedoch zwischen Chinas Streben nach KI-Vorherrschaft und einem Wettlauf zur Superintelligenz. Und er kommt zum Schluss, es gebe wenig Hinweise auf eine staatlich orchestrierte Kampagne von China, so schnell wie möglich Superintelligenz zu entwickeln und dadurch einen dauerhaften geopolitischen Vorteil zu erringen. Diese Mentalität sieht er wesentlich stärker in den USA verankert.

Die Chinaexpertin Rebecca Arcesati widerspricht: „China will, dass die gesamte Wirtschaft von KI profitiert, fördert aber zugleich Spitzenforschung hin zu künstlicher Superintelligenz.“ Forschungslabore wie das Shanghai AI Lab, das Beijing Institute of General Artificial Intelligence und KI-Firmen wie DeepSeek suchten explizit nach Wegen, um generelle künstliche Intelligenz zu erreichen – die Stufe vor der Superintelligenz, auf der alle kognitiven menschlichen Fähigkeiten erreicht aber noch nicht übertroffen werden. „Der Begriff der generellen künstlichen Intelligenz kommt zum ersten Mal im neuen Fünfjahresplan der chinesischen Regierung vor”, sagt Artesati. Ó hÉigeartaigh wendet ein: „Aber nur ein einziges Mal auf 141 Seiten und ohne dringliche Sprache.“

Beide sind sich jedoch einig, dass sich das Konzept in China verbreitet. DeepSeek-Gründer Liang Wenfeng beschrieb DeepSeeks Strategie im Juli ausdrücklich als „AGI-first“, also mit dem vorrangigen Ziel, allgemeine künstliche Intelligenz zu erreichen. Die US-amerikanischen Ängste könnten somit zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden: Je stärker Washington und Silicon Valley KI als Rennen um einen entscheidenden strategischen Vorsprung behandeln, desto größer der Anreiz für China, im Windschatten der USA zu bleiben – um dann vielleicht doch irgendwann zum Überholen anzusetzen.

Box:

Welche Länder hinken bei KI hinterher?

Die USA und China bauen die leistungsfähigsten KI-Modelle. Dahinter folgt lange niemand.

Gemäß dem Artificial Analysis Intelligence Index weist Südkorea noch den geringsten Abstand zu den beiden Platzhengsten auf. Sein Modell Motif 3 erreicht mit 34 Punkten immerhin gut drei Vierteil von Chinas Spitzenreiter Qwen3.8 Max mit 45 Punkten. Die Punktezahl des Modells aus Südkorea ist allerdings nur geschätzt. Nicht so bei den Vereinigten Arabischen Emiraten auf Platz vier. Die 31 Punkte ihres Modells K2 Horizon 375B A23B beruhen (wie alle folgenden Punktzahlen) auf reproduzierbaren Vergleichstests.

Auf Platz fünf folgt Frankreichs Mistral Medium 3.5 mit 15 Punkten und gleich dahinter Command A+ aus Kanada mit 14 Punkten. Indien ist konkurrenzfähig in KI-Forschung und -Entwicklung, landet aber mit dem besten Modell im weltweiten Vergleich nur auf Platz 7.

Russland brachte große Mathematiker hervor, doch bei der künstlichen Intelligenz ist es ein Zwerg. Russische Modelle sucht man auf der Rangliste vergebens, Deutsche ebenfalls.