Sie wollen die Demokratie retten? Hier ist Ihr Geld gut investiert

(Der Tagesspiegel, 15.05.2026)

Nils Althaus

Eine Berliner Forschungsorganisation hat ein Jahr lang untersucht, in welchen gefährdeten Demokratien weltweit Spenden am meisten bewirken.

Die USA sind zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren keine liberale Demokratie mehr. In nur einem Jahr schaffte Donald Trump das, wofür Erdoğan in der Türkei zehn Jahre brauchte und Orbán in Ungarn vier. Das sagt der Democracy Report 2026, den das Forschungsinstitut „Varieties of Democracy“ der Universität Göteborg im März veröffentlichte. Demnach ist die Demokratie, global gesehen, seit rund zwanzig Jahren auf dem Rückzug.

Soweit die Fakten. Aber was kann man dagegen tun?

Die neue Berliner Forschungsorganisation „Power for Democracies“ untersuchte, welche zivilgesellschaftlichen Organisationen solchen autokratischen Bestrebungen besonders effektiv entgegenwirken. Für die besten sprach sie eine Spendenempfehlung aus.

Das Ergebnis: Am meisten erreiche man global gesehen mit Spenden an Organisationen, die Wähler in den USA mobilisieren. Die deutsche Demokratie hingegen stuft die Analyse als eher robust ein.

Keine Einflussmöglichkeit in Nordkorea, aber anderswo

Um zu ihren Spendenempfehlungen zu gelangen, entwickelten die Forschenden ein mehrstufiges Verfahren: Zuerst evaluierten sie eine lange Liste bestehender Taktiken gegen autoritäre Übergriffe. Parallel untersuchten sie, welche Länder sich für Demokratieerhaltung besonders anbieten.

Dann wurden die vier vielversprechendsten – die USA, Italien, Argentinien und die Türkei – einer vertieften Analyse unterzogen. Die effektivsten Taktiken aus dem ersten Schritt wurden für jedes Schwerpunktland einzeln auf ihre Wirksamkeit überprüft. Strategische Prozessführung und Wählermobilisierung schnitten am besten ab. Als Letztes identifizierte das Team Organisationen, die diese Taktiken bereits erfolgreich umsetzen und als Spendenempfänger in Frage kommen.

Um zu sinnvollen Aussagen zu gelangen, kombinierte das siebenköpfige Team um Samantha Sekar, Forschungsleiterin bei „Power for Democracies“, unterschiedliche Methoden. Sie werteten Studien aus, befragten Länderexperten und debattierten in strukturierten Gesprächen miteinander.

Wo Spenden am sinnvollsten eingesetzt werden

„Um ein Qualitätssiegel für förderungswürdige Institutionen zu schaffen, ist das Vorgehen ein legitimer Weg“, sagt Thorsten Thiel, Professor für Demokratieförderung und Digitalpolitik an der Universität Erfurt. Zwar sei der Fokus der Berichte wohl zu breit, um in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zu erscheinen. Aber besonders die Fallstudien zu den einzelnen Ländern würden überzeugen, so Thiel.

Was auffällt: Deutschland ist nicht unter den Ländern, in denen demokratiefördernde Spenden besonders nötig und wirksam wären. Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Die Antwort ist in den vier Kriterien zu finden, anhand derer die Forschenden die Länder eingrenzten:

  1. Bedeutung: wie groß und global einflussreich das Land ist.
  2. Bedrohung: wie schwerwiegend die autoritären Eingriffe sind.
  3. Opportunitäten: ob es Ansatzpunkte für Veränderungen gibt, etwa bevorstehende Wahlen.
  4. Einflussmöglichkeiten: ob es eine robuste, wirkungsvolle Zivilgesellschaft gibt, die durch Spenden unterstützt werden kann.

Wenn eines der Kriterien gar nicht oder kaum erfüllt wurde, fiel das entsprechende Land aus der Wahl.

Vollständige Autokratien wie Nordkorea oder Eritrea haben weder freie Wahlen noch zivilgesellschaftliche Organisationen, die man unterstützen könnte – die Länder fallen bei den Kriterien „Opportunitäten“ und „Einflussmöglichkeiten“ durch. Vollständig liberale Demokratien wie Dänemark oder Schweden sind aus einem anderen Grund nicht unter den Schwerpunktländern zu finden: Sie fallen beim Kriterium „Bedrohung“ durch. Zusätzliche Spenden könnten in diesen Ländern nur noch marginale Verbesserungen bewirken.

Deutschland ist nicht die Türkei

Deutschland befindet sich – was die Gesundheit seiner Demokratie betrifft – laut Samantha Sekar deutlich näher an Dänemark als an Italien oder der Türkei, geschweige denn Nordkorea. Das Kriterium der „Bedrohung“ erfüllt Deutschland also nicht hinreichend.

Eine gute Nachricht.

„Wir haben im internationalen Vergleich ein starkes Verfassungsgericht“, sagt Lars Lott, Demokratieforscher an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. „Wählerstimmen schlagen sich zuverlässig in politischen Mandaten nieder.“ Und das Vertrauen in die demokratischen Institutionen sei in Deutschland „weiterhin hoch“.

Einen Rückschlag musste die deutsche Demokratieförderung dennoch kürzlich einstecken. Bundesfamilienministerin Karin Prien kündigte an, das Programm „Demokratie leben!“ neu auszurichten. Die Förderung von etwa 200 Projekten soll Ende 2026 auslaufen, darunter bekannte Namen wie „HateAid“ oder die „Amadeu-Antonio-Stiftung“.

Wäre die Rettung dieser Projekte eine effektive Spendenstrategie? „Priens Pläne sind bedauerlich“, sagt Thorsten Thiel. „Es wird viel Know-how verloren gehen und alle Betroffenen, die ich kenne, sind frustriert.“ Doch nun zu versuchen, wegfallende öffentliche Gelder durch private Spenden zu ersetzen, wäre „zu kurzfristig gedacht“, so Thiel. Eine geringere Förderung sei zwar zu erwarten, doch man müsse auch bedenken, dass der Rückgang von einem hohen Niveau ausgehe. 

Ideale Adressaten für Spenden: Demokratien unter Druck

Trotz Förderkürzungen, AfD-Wahlerfolgen und rechter „Deportationspläne“ ist die deutsche Demokratie also erstaunlich robust. Könnte es sich dennoch auszahlen, in diese Robustheit zu investieren? Sprich: Prävention bei gesunden Demokratien zu betreiben, statt kränkelnde Exemplare heilen zu wollen?

Lars Lott ordnet ein: „Es gibt auch heute noch deutlich mehr intakte liberale Demokratien als solche, die sich im Niedergang befinden“, so der Forscher. Bei einem Fokus auf die gesunden Demokratien würden die verfügbaren Mittel somit breiter gestreut. “Mein Gefühl ist, dass jene, die unter Druck geraten, schon die richtigen Adressaten für solche Spenden sind.“

Dazu gehören Italien, Argentinien und die Türkei. Die wirksamsten Organisationen, die „Power for Democracies“ in diesen Ländern ausfindig machte, setzen alle auf strategische Prozessführung und Rechtshilfe: In Italien beispielsweise führt die „Associazione Antigone“ juristische und öffentliche Kampagnen gegen Melonis repressive Sicherheitsgesetze. Bei den italienischen, argentinischen und türkischen Organisationen stützte sich „Power for Democracies“ auf deren Track Record und Experteneinschätzungen – also eher weiche Evidenz. Quantitative wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit gibt es hier kaum.

Größter Hebel für Demokratieförderung: die USA

Anders sieht es bei den USA aus. „US-Wahlen haben etwas, das in der Demokratiearbeit einzigartig ist: Sie sind äußerst gut zu quantifizieren“, sagt Sekar. „Im Bereich der Wählermobilisierung gibt es dazu mehr als zwei Jahrzehnte intensiver Forschung: groß angelegte, randomisierte kontrollierte Studien, einige davon mit Hunderttausenden Teilnehmenden.“

Außerdem stechen die USA aufgrund ihres geopolitischen Gewichts hervor. Was mit der amerikanischen Demokratie geschieht, hat weltweite Konsequenzen. Deshalb verortet Sekar bei den USA zurzeit den größten Hebel für wirksame globale Demokratieförderung.

Die empfohlene US-amerikanische Organisation heißt „Freedom2Vote“. Sie nutzt datengestützte Methoden, um wahlberechtigte Bürger zu identifizieren, die noch nicht als Wähler registriert sind. Dazu gehören Menschen, die kürzlich umgezogen sind, gerade das achtzehnte Lebensjahr vollendet haben oder nach einer Haftentlassung zurückkehren. „Freedom2Vote“ schickt ihnen nahezu ausgefüllte Registrierungsformulare zu. Weil diese Bevölkerungsgruppen tendenziell jünger, diverser und demokratischen Werten gegenüber positiver eingestellt sind, erhöht diese Taktik nachweislich den Stimmenanteil nicht-autoritärer Kandidatinnen und Kandidaten.

Skeptisch ist Thorsten Thiel dennoch: „Die US-Wahlen werden mit Geld überschwemmt. Dass deutsche Privatpersonen da mit Spenden etwas bewirken können, scheint mir zweifelhaft.“

Sekar widerspricht: „US-Bundeswahlen wurden in der Vergangenheit mehrfach mit Vorsprüngen von nur einigen Tausend Stimmen oder noch weniger entschieden.“ Kleinere Spender hätten hier nachweislich einen Unterschied gemacht. Zudem unterscheide sich die Wirkung von Spenden stark. „Es gibt vernachlässigte Taktiken, die viel kosteneffizienter sind als die typische Wahlkampfspende – die Wählermobilisierung von ‚Freedom2Vote‘ ist eine davon“, sagt Sekar.

Langfristig gerechnet betragen die Kosten je zusätzliche Stimme laut Sekar rund achtzig US-Dollar. Wenige Hunderttausend Euro könnten somit durchaus das Zünglein an der Waage spielen. Die Midterm-Wahlen für das Repräsentantenhaus und den Senat finden am 3. November 2026 statt.

Obwohl deutsche Bürger mit einer Spende an „Freedom2Vote“ die Wahlergebnisse in den USA beeinflussen könnten, ist das Vorgehen laut „Power for Democracies“ legal. Ausländer dürfen in den USA nicht an politische Parteien oder parteigebundene Kampagnen spenden. „Freedom2Vote“ ist jedoch überparteilich organisiert und nutzt keine parteibezogenen Daten. Deshalb kann die Organisation Spenden aus dem Ausland annehmen.

Bleibt die Grundsatzfrage: Warum sich überhaupt für Demokratie einsetzen? Sekar verweist auf den empirischen Befund: „Demokratie ist kausal verbunden mit höherem Bruttoinlandsprodukt, besseren Gesundheitsindikatoren, besserem Schutz der Menschenrechte und Frieden zwischen Staaten.“

Wer in den USA hilft, die Demokratie zu stabilisieren, hilft also nicht nur den Amerikanern. Er sichert auch das geopolitische Umfeld, in dem kleinere Demokratien überhaupt erst gedeihen können.