Wie sich die Entwicklungshilfe ändern muss

(Süddeutsche Zeitung, 29.9.2025)

Nils Althaus

Die USA haben angefangen, andere folgen, auch Deutschland: Überall werden Entwicklungshilfe-Programme gekürzt. Wie soll es weitergehen? Die Ökonomin Rachel Glennerster fordert vor allem eines.

Rachel Glennerster ist Präsidentin der US-Denkfabrik Center for Global Development. Zuvor war sie Wirtschaftsprofessorin an der Universität Chicago und Chefökonomin des britischen Außenministeriums.

SZ: Die internationale Entwicklungszusammenarbeit wird zurzeit dezimiert. Viele Geberländer kürzen ihre Beiträge teils massiv. Die USA – der bisher größte Geldgeber – lösten ihre Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) im Juli auf und stampften 80% der Hilfsprogramme ein. Was bedeutet das konkret?

Rachel Glennerster: Manche Entwicklungsländer werden durch die Kürzungen bis zu sechs Prozent ihres Jahreseinkommens verlieren. Das ist enorm. Betrachtet man einzelne Bereiche, sind die Auswirkungen noch schlimmer. Die USA waren stark auf HIV fokussiert. Viele Menschen haben bereits den Zugang zu HIV-Medikamenten verloren, noch mehr werden folgen. Die USA haben einen Trittbrettfahrer-Effekt losgetreten. Sie haben die Kürzungen normalisiert und anderen Ländern damit die moralische Erlaubnis erteilt, dasselbe zu tun.

Wer wird am meisten darunter leiden?

Es sind nicht Staaten wie Indonesien oder Indien, die relativ gut funktionierende Regierungen haben und den größten Teil selbst stemmen können. Die Hilfe wird vor allem dort fehlen, wo Staaten scheitern oder Krieg herrscht.

Es trifft also die Schwächsten?

Ja, es trifft Menschen in echter Not. Menschen mit HIV, Tuberkulose, Malaria oder solche mit Mangelernährung.

Auch Deutschland kürzt. Die humanitäre Hilfe wird 2025 voraussichtlich halbiert. Was geht damit für Deutschland verloren?

Das Wichtigste, was verloren geht, sind Menschenleben. Deutschland wird vielleicht keine direkten Auswirkungen auf seinen eigenen Wohlstand spüren, zumindest nicht unmittelbar. Es liegt aber in unser aller Interesse, in einer Welt zu leben, die kooperiert, Handel treibt, miteinander spricht und globale Probleme löst.

Warum wird denn jetzt überall so gekürzt?

Ich denke, es ist Teil einer globalen Bewegung hin zum Populismus. Menschen wissen sehr wenig über Entwicklungszusammenarbeit und die ärmsten Weltregionen. Sie können leicht durch populistische Rhetorik überzeugt werden, die behauptet, Hilfe werde verschwendet und diese Länder täten nichts für sie. Auch die Fragmentierung der Medien spielt eine Rolle. Früher berichteten Zeitungen und Fernsehen groß über Erdbeben und Hungersnöte wie jene in Äthiopien 1984. Heute beziehen immer weniger Menschen ihre Informationen aus dem Fernsehen. Sie sehen die Not nicht mehr.

Sie schlagen vor, die Entwicklungszusammenarbeit radikal zu vereinfachen – insbesondere jetzt, wo die Etats einbrechen. Was meinen Sie damit?

Vereinfachung bedeutet: weniger Länder, einfachere Programme, größerer Maßstab. Neue Programme verursachen immer hohe Anlaufkosten. Wir sollten stattdessen die besten auswählen und hochskalieren. So gelangt mehr Hilfe zu den Menschen, die sie brauchen.

Ist Kontinuität nicht auch wichtig? Entwicklungsministerin Alabali Radovan betonte zuletzt mehrfach, Deutschland wolle ein verlässlicher Partner bleiben.

Vereinfachung und Kontinuität sind kompatibel. Es braucht keinen radikalen Umbau, nur einen Fokus auf das Wesentliche.

Wie stellen wir sicher, dass die Betroffenen ihre Interessen einbringen können, wenn wir die besten Interventionen im Voraus bestimmen?

Die Länder bestimmen selbst, ob sie die Angebote nutzen wollen. Wir bieten nur das an, worin wir stark sind, und sie entscheiden, ob und was sie davon übernehmen.

Sollte es nicht umgekehrt laufen? Erst definieren Betroffene ihre wichtigsten Bedürfnisse und wenden sich dann an die Entwicklungshilfeorganisationen?

Genau so arbeiten die meisten Entwicklungsagenturen heute. Sie haben Teams in den jeweiligen Ländern. Die Regierung sagt, was ihre Prioritäten sind, und dann werden die Rollen verteilt. China baut gute Straßen, also geht sie für Straßen zu China und kommt zu den Europäern oder Amerikanern für etwas anderes.

Am wenigsten paternalistisch wäre es, den Menschen einfach Geld zu geben. Dann können sie selbst entscheiden, was sie damit tun.

In vielen Fällen ist das ein sehr gutes Mittel.

In welchen nicht?

Wenn es keine funktionierenden Märkte gibt. Bei extrem abgelegenen Orten etwa, wo man sich mit dem Geld gar nichts kaufen kann. Oft ist auch die Innovationsförderung noch wirksamer als Bargeld. Die Entwicklung von Impfstoffen zum Beispiel hat gewaltige positive Effekte. Aber Menschen in Malariagebieten können nicht ihr Geld zusammenlegen, um einen Impfstoff zu entwickeln. Das muss zentral geschehen.

Gibt es denn Erfolge, die man ganz konkret der Entwicklungszusammenarbeit zuschreiben kann?

Es gibt sehr viele. Nehmen wir Indonesien, wo subventionierter Reis an arme Menschen verteilt wurde. Die Hilfe durchlief viele Verwaltungsebenen und unterwegs gingen Mittel verloren oder sie kamen am falschen Ort an. Zusammen mit der Regierung entwarf man ein einfaches System mit ID-Karten, auf denen vermerkt war, wie viel Reis den Haushalten zustand. Dadurch gelangte 26 Prozent mehr Reis zu den Zielhaushalten – ohne dass die Gesamtausgaben erhöht wurden. Das ID-Karten-System wurde auf 65 Millionen Menschen ausgeweitet. Oder ein weiterer großer Erfolg: Zwischen 2000 und 2015 starben schätzungsweise 6,2 Millionen Menschen weniger an Malaria – dank der Verteilung von insektizidbehandelten Moskitonetzen und weiteren Hilfsmaßnahmen.

Trotzdem taucht auch immer wieder Kritik an den Hilfsgeldern auf, die der Westen verteilt. Rechte Politiker monieren, dass sie wenig nützen oder gar schaden und dass sie Korruption begünstigen.

Daten zeigen: Nur ein verschwindend kleiner Teil der Hilfsgelder wird gestohlen. Wenn überhaupt, geben wir zu viel aus, um Diebstahl zu verhindern. Natürlich gibt es Einzelfälle, die schmerzen. In Konfliktgebieten kann Nahrungsmittelhilfe von bewaffneten Gruppen abgefangen und politisiert werden. Dieses Problem ist schwer zu lösen. Die humanitäre Gemeinschaft arbeitet aber intensiv daran. Eine Antwort ist „fluten“ – so viele Nahrungsmittel liefern, dass sie sich gar nicht monopolisieren lassen, wie es für Gaza vorgeschlagen wurde. Eine andere: Direkte Bargeldüberweisungen auf Mobiltelefone statt Lkw-Konvois mit Gütern. Dann kann die Hilfe nicht abgefangen werden. Aber insgesamt ist der soziale Nutzen der Entwicklungszusammenarbeit pro ausgegebenem Dollar enorm.

Was sagen Sie zu der Kritik, Entwicklungszusammenarbeit sei ein Erbe des Kolonialismus und fördere Abhängigkeiten?

Dieser Vorwurf sieht Entwicklungsländer immer noch als Schulbuben, die sich herumschubsen lassen. Dabei haben sie viel mehr Expertise als früher, wissen, was sie wollen und sehen sich als Partner. Wenn ich mit der indischen Regierung spreche, tritt das Land sehr selbstbewusst auf. Bei sehr armen, fragilen Staaten sind die Machtverhältnisse anders. Aber auch sie haben oft klare Vorstellungen davon, was sie benötigen. Dort versuchen wir meist nur, unmittelbares Leid zu verhindern.

Ist die Entwicklungszusammenarbeit angesichts der Kürzungen denn überhaupt noch zu retten?

Auch bei schrumpfendem Budget kann man mehr erreichen, wenn man sich auf die besten Maßnahmen konzentriert. Die Impfallianz Gavi oder der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria haben hochwirksame Programme. Wir müssen den Kern dieser Programme unberührt lassen und bei den weniger effektiven Nebenprogrammen sparen.